Soundtirol Teil II: Wicked and Bonny

Zwischen Almabtrieb und Apfelwiesen hat es der Underground ins Vinschgau geschafft. Und seit geraumer Zeit hallt er auch gewaltig aus dem Tal zurück. Die basslastige Musik von Wicked&Bonny ist dabei nur ein kleiner Baustein. Aber dafür ein verflucht wichtiger. Eine Ode an den Untergrund

Master mit Syrthos.Standbild011

„I glab der Maggu pennt nu“, schallt es aus dem Studio. Die Tür steht halb offen. Kurz darauf empfängt mich Paul. Er reicht mir die eine Hand zur Begrüßung und streckt die Andere zur Klingel um Maggu aus dem Bett zu holen. “Kuan Wunder, isch jo a nu fria“, antworte ich und lege meine Sachen ab. Bis Maggu aus seiner Dachgeschosswohnung runter ins Studio kommt, kann ich mich ja schonmal umsehen. In einem großen Haus bei Maggus Großeltern, inmitten von Apfelwiesen, haben Wicked&Bonny ihr Studio. Paul macht sich dort in der Zwischenzeit an die Arbeit. Immer wieder kommen kurze fragen wie: “wos geat bo dir“ und „bisch ollm nu in Deitschlond“. Ich antworte mit „nit viel“ und „jo“. Auch für mich bedeutet ein Treffen um 9:00 Uhr früh, dass meine Sprechlaune noch eher dürftig ist.

PAULHaus

Die persönlichen Fragen sind dennoch nicht unwesentlich für diese Geschichte. Ich kenne Paul und Maggu schon seit Jahren. Habe mitverfolgt, wie ihre erste Band, die Gleeman Members vor knapp 10 Jahren das Mascher Au Festival eröffnet hat, wie sie sich dann in wenigen Jahren zu einer einzigartigen Reggae Band entwickelt hat und die Beiden dann schließlich in der Soundsystem Kultur gelandet sind. Mit ihrem Soundsystem Botheration Hifi haben sie dafür eine feste musikalische Institution geschaffen.

Die beiden Jungs von Wicked&Bonny sind ein Seismograph für die Entwicklung der Reggaeszene in Südtirol. Vor allem im Vinschgau. Als die Reggae Welle vor gut 10 Jahren durchs Tal zog, war sie vor allem durch ihren Livecharakter gekennzeichnet.  Bands machten entweder traditionellen Ska, Skinhead Reggae, oder Roots und Rocksteady. Alles aber live und Bandorientiert. Aber auch das Vinschgau erreichte irgendwann die Clubkultur. Sounds wie Dubstep oder Drum and Base wurden populär. Und eben auch Soundsystem Geschichten, wie Dub, Dancehall und typische basslastige Reggaeverwandschaften.

An Maggu und Paul kann man diese musikalische Entwicklung bestens sehen. Von der Teenager Band, zur wirklich ambitionierten 10köpfigen Kapelle bis hin zu dem harten Kern, der übrig bleibt, wenn all die Weg fallen, die entweder zum Studieren ins Ausland gehen, oder einfach dem künstlerischen Leben qua Beruf abschwören. So kann man Wicked&Bonnie, wenn man es pragmatisch sieht, als übrigbleibsel einer Vinschger Reggae Kultur sehen. Damit täte man aber den Jungs nicht recht. Denn in Wahrheit sind sie eine Vinschger Institution, hinter der weit mehr steckt, als eine reine Dancehall, Soundsystem Kombo.  Wicked&Bonny sind ein  klares Bekenntnis gegen den Mainstream und für eine alternative Kulturlandschaft.

Durch die geschlossene Tür höre ich treppengepolter. Kurz darauf öffnet sich die Tür und Maggu steht vor mir. Wir begrüßen uns und umarmen uns kurz. Wicked&Bonny sind Vollzählig. Wir setzen uns zu einem Gespräch in den Garten. Maggus Oma serviert uns Kaffee. Maggu steckt sich eine Zigarette an und fängt an zu erzählen. Am Wochenende waren Sie mit ihrem Soundsystem in Verona und in Graz. Heute schauen sie schon auf das kommende Wochenende. Wieder zwei Gigs, diesmal in Brixen und in Mals. So läuft das bei den Beiden. In der Woche gehen sie einem Teilzeitjob nach und arbeiten an den Sounds, am Wochenende sind sie unterwegs. Das Netzwerk, das sie dabei in der Szene spannen ist groß. „Genau so funktioniert das“, erzählt Maggu. „Wir kennen so ziemlich jede Reggae Band in Südtirol persönlich. Man hört sich regelmäßig, man hilft sich gegenseitig, man lädt sich gegenseitig ein. Das ist so ein wunderbarer Kreislauf der in den letzten Jahren entstanden ist.“ So funktioniert das auch über die Grenzen Südtirols hinaus. Konzerte in Österreich, Konzerte in Italien und Stippvisiten bis nach London und Manchester.

Die Heimat ist dabei sozialer Anker und gleichzeitig die größte Herausforderung. Denn ohne die Familie im Hintergrund wäre diese Arbeit nicht möglich. Aber auch die Kulturlandschaft im Lande profitiert von den Jungs. Überhaupt ist die alternative Musikszene aus dem beschaulichen Schlanders in ganz Südtirol erstaunlich einflussreich. Mit dem Kollektiv Revoltekk gibt es seit Jahren einen verlässlichen Versorger in Sachen Underground Clubkultur. Botheration Hifi beschallen das Tal mit Roots Sound und zusammen sind sie maßgeblich für eine starke alternative Szene verantwortlich. Man denke nur an das Ghost Town Festival in Prad, das Dumptown Festival im Sommer in Schlanders, jenes an Weihnachten in Latsch, und Partyreihen wie Tinnitus oder Bassilikum in der legendären Disco Ladum in Prad am Stilfser Joch.

Wicked StudioBotheration II

Wir werden unterbrochen. Maggus Oma verabschiedet sich. Sie will kurz ins Dorf was einkaufen. Die Tatsache, dass Maggu bei seinen Großeltern den Freiraum gefunden hat um seine Leidenschaft zu Leben fasziniert mich. „Für mich ist es so“, ergänzt Paul, „das Leben zu Hause erleichtert es, dass ich den Fokus auf meine Musik legen kann“. Zuhause bezahle er keine Miete und er könne sich auch bei der Arbeit seine Schichten einteilen, meint Paul. Wo anders, wäre das in der Form sehr wahrscheinlich nicht möglich.

Wir gehen ins Studio der Jungs. Es riecht nach Proberaum; nach Zigarettenrauch und Bier. Nur, dass der Proberaum heute deutlich kleiner ist und im wesentlichen aus einem Mischpult, einem PC und einem Tisch voll mit verschiedenen, teilweise selbst gebauten Effekten besteht. Von hier aus arbeiten sie an ihren Sounds. Diese musikalische Konstellation ist für die Beiden ziemlich neu. Die Arbeit im Studio, der Umgang mit Effekten und das dann so hin zu bekommen, dass es auch ihren Ansprüchen genügt, daran arbeiten sie Step bei Step.  “Es ist einfach ein langwieriger Prozess”, meint Paul “… das Hören, das Verhalten, das Verstehen wie der Sound im Studio klingt und wie auf der großen Anlage.” Aus ihrer Sicht sind die Jungs musikalisch grad erst am Anfang. Sie sehen sich selbst als Lehrlinge. Mit der Aufgabe, das produzieren von elektronischer Musik zu lernen.  Für die Szene im Tal sind sie aber längst mehr. Sie sind Pioniere ihres Handwerks und eine der treibenden Kräfte, wenn es um den erhalt der alternativen Kulturszene geht. Dafür muss man ihnen dankbar sein.