Soundtirol Teil I: Die Musikszene in Südtirol: Zwischen Zeitgeist und Tradition.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen der bekanntesten Südtiroler zitieren würde. Aber Reinhold Messner hat sich einmal folgendes Zitat aus den Fingern gesaugt:“Aus der Ferne sieht man seine Heimat immer schöner.“ Warum dieses Zitat? Weil in dieser Serie sehr viel davon steckt.

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Vor knapp sechs Jahren bin ich zum Studium nach Deutschland gezogen. Ich war in der Vinschger Ska und Reggae Welle sozialisiert, die die Jahre davor durch das Tal gezogen ist. Musik war mein Leben und deshalb wollte ich auch alles versuchen, dass es dabei bleibt. Und was macht man, wenn man nicht Musiker werden will? Klar, irgendwas mit Medien. Musikalisch war diese Zeit für mich eine unfassbar inspirierende. Als Südtiroler war mir gute Popmusik größtenteils fremd. So wie ich das damals sah, gab es nur auf der einen Seite Volksmusik, Schlager und die Dorfdisco-Kultur und auf der anderen Seite eine Reihe subkultureller Strömungen, von Metal bis Punk hin zu Reggae, Ska und einigen Electro Geschichten. Dazwischen kannte ich nicht viel. In Deutschland traf ich auf eine Generation, die sich mit dem Indie Sound der 00er Jahre identifizierte. Eine ganze Popmusikkultur, die fernab vom Mainstream den Ton angibt. Für mich war das nicht neu. Dennoch konnte ich plötzlich alles unter Indie verbuchen, was ich gut fand und in der Offbeat Schublade landete.

In dieser Zeit habe ich mich ziemlich abgenabelt von meiner Heimat. Überhaupt habe ich nie wirklich viel gegeben auf meine Herkunft. Ich bin eigentlich nie mit der Absicht nach Deutschland gegangen, um irgendwann wieder zurück zu kommen. Für mich war das Studium ein weggehen von zu Hause, für nicht absehbare Zeit. Und das habe ich gelebt und auch geliebt.

Irgendwann hat sich das schlagartig verändert. Ich bin immer noch in Deutschland, aber auf meine Heimat schaue ich heute mit Wehmut. Meine Reisen in die Heimat sind immer mit einer dicken Portion Nostalgie belegt. Die Berge, das Essen, die Kultur und eben auch die gute Musik. Für mich ist das eine Zwickmühle, denn diese Sicht kann ich nur von außen haben. Nur mit der nötigen Distanz zu meiner Heimat, kann ich so was wie Nostalgie oder gar Heimatliebe empfinden. Das hat automatisch zur Folge, dass ich, wenn ich zu Hause bin, irgendwann auch immer wieder los muss. Woher das kommt, weiß ich nicht, ich weiß allerdings, dass mich das wohl letztlich dazu bewogen hat, über die Musikszene in Südtirol zu berichten.

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Über die Jahre hinweg bin ich der Musikszene über das Internet eng verbunden geblieben. Habe vieles mitbekommen, was mich fasziniert hat. Wie Max von Milland aus Berlin seine Heimat Südtirol musikalisch erobert hat, oder wie Mainfelt in Südtirol durchgestartet sind. Und immer habe ich mich gefragt, warum es denn so wenig von dieser qualitativ doch sehr hochwertigen Musik nach Deutschland schafft. Die einzigen die in den letzten Jahren neben den Kastelruther Spatzen in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt haben, waren FreiWild!. Was dem Musikimage von Südtirol nicht unbedingt zuträglich war. Deshalb wollte ich zeigen, dass Südtirol aus musikalischer Sicht weit mehr zu bieten hat, als Philipp Burger und Norbert Rier.

Ich habe mich also auf die Reise durch Südtirol gemacht, habe Bands und Musiker besucht und mit ihnen über Musik machen in Südtirol gesprochen. Ich wollte schauen wie weit sich die Szene in den letzten Jahren verändert hat, was gleich geblieben ist und unter welchen Voraussetzungen man in Südtirol heute Musik macht. Kenner der Südtiroler Musikszene haben mir erzählt, wie sie auf die Szene schauen und warum die Südtiroler sich absolut mit der Szene im Ausland messen können.

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Daraus ist ein Film entstanden, mit dem ich mein Studium an der Hochschule für Musik in Karlsruhe abgeschlossen habe. Der Film ist die Geschichte einer Reise durch Südtirol, bei der ich meine Heimat erkundet habe, Musiker getroffen habe, feinste Südtiroler Musik gehört habe und gemerkt habe, dass ich mit meiner Sicht auf die Heimat nicht ganz alleine bin. Viele der Musiker mussten erst ihre Heimat verlassen um letztlich im Einklang mit ihr zu kommen. Denn der Popkultur wird im touristischen und doch sehr konservativen Südtirol nicht immer der Platz eingeräumt, den sie vielleicht verdient hätte. Wenn also ein bestimmtes Level erstmal erreicht ist, dann zieht es viele Künstler, und in meiner Geschichte im Speziellen Musiker, ins Ausland. Nur die Wenigsten bleiben zu Hause. Wenn doch, dann müssen Sie in jedem Fall weite Strecken zurück legen um mit ihrer Musik erfolgreich zu sein.

In dieser sechsteiligen Serie werde ich genau diese Musiker treffen. Junge, ambitionierte Musiker, die aus dem Ausland agieren und in Südtirol sehr erfolgreich sind, Musiker die hier wohnen, aber auch viel Zeit im Ausland auf Tour verbringen, oder schlicht Musiker, die durch die Berge und die privaten Umstände eingekesselt sind, aber auch glücklich darüber sind. In jeder Folge mache ich bei einem Musiker, oder einer Band Station. Wir sprechen über Musik über Kultur und über die ganz profanen, alltäglichen Dinge des Lebens. Los geht es in der nächsten Folge im Vinschgau. In Schlanders treffe ich die Jungs von Wicked & Bonny.

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